Am Fischereihafen von Altona, dort wo die Van-der-Smissen-Strasse auf das Elbufer trifft, ragt ein Gebaeude ins Wasser, das aussieht, als haette jemand ein Schiff auf dem Trockenen abgestellt und dann zu einem Buerohaus umfunktioniert. Das Dockland, entworfen vom Hamburger Buero BRT Architekten (heute Bothe Richter Teherani) und 2005 fertiggestellt, ist eines jener Gebaeude, die man sofort wiedererkennt — ein Sechsgeschosser in Form eines Parallelogramms, der sich ueber das Elbufer schiebt wie der Bug eines Ozeanriesen.
Die Form: Geometrie am Wasser
Die Grundform des Dockland ist ein Parallelogramm mit einer Kantenlaenge von rund 130 Metern und einer maximalen Breite von 30 Metern. Das Gebaeude neigt sich in einem Winkel von etwa 15 Grad nach vorne, wobei der "Bug" ueber die Kaimauer hinausragt und frei ueber dem Wasser schwebt. Diese Neigung ist keineswegs nur eine formale Geste — sie erzeugt im Inneren ungewoehnliche Raumsituationen, schraeege Waende und dramatische Ausblicke auf den Fluss.
Hadi Teherani, einer der drei Gruendungspartner von BRT und federerfuehrender Entwerfer des Dockland, hat die Form als Antwort auf den Ort beschrieben: "Wir wollten ein Gebaeude, das sich zum Wasser hin oeffnet, das die Dynamik des Hafens aufnimmt und sie in Architektur uebersetzt." Das Ergebnis ist eine Skulptur, die je nach Blickwinkel voellig unterschiedlich wirkt: Von der Seite ein flaches, horizontales Band, von vorne ein spitzer, vertikaler Bug, von oben ein Rhombus.
Konstruktion und Material
Die technische Umsetzung des Dockland war eine Herausforderung. Das Gebaeude ruht auf einem Betonsockel, der auf Stahlbetonpfaehlen im Elbufer gegruendet ist. Der auskragende Bug ist eine Stahlkonstruktion, die ueber massive Fachwerktraeger im Inneren des Gebaeudes abgetragen wird. Diese Traeger sind so dimensioniert, dass sie die Last von sechs Geschossen ueber eine Spannweite von rund 20 Metern frei tragen koennen.
Die Fassade besteht aus einer Pfosten-Riegel-Konstruktion mit grossflaechigen Glasscheiben, die durch horizontale Sonnenschutzlamellen aus eloxiertem Aluminium ergaenzt werden. Diese Lamellen verleihen dem Gebaeude seine charakteristische Streifenoptik und sorgen zugleich fuer einen effektiven Blendschutz. Die Glasflaechen sind so dimensioniert, dass von nahezu jedem Arbeitsplatz ein ungehinderter Blick auf die Elbe moeglich ist.
Architektur am Wasser muss den Dialog mit dem Element suchen. Wer an der Elbe baut und das Wasser ignoriert, hat den Ort nicht verstanden. — Hadi Teherani
Die Freitreppe: Oeffentlicher Raum auf dem Dach
Das vielleicht bemerkenswerteste Element des Dockland ist kein Bueroraum, sondern seine oeffentlich zugaengliche Freitreppe. An der Rueckseite des Gebaeudes fuehrt eine monumentale Aussentreppe ueber die gesamte Laenge des Baukoeorpers bis auf das Dach. Oben angekommen, steht man auf einer Aussichtsplattform, die einen der besten Panoramablicke Hamburgs bietet: die Elbe, die Koehlbrandbruecke, die Containerterminals im Sueden, die Skyline der Innenstadt im Osten.
Diese Freitreppe war von Anfang an Teil des Entwurfs und des staedtebaulichen Vertrags. Die Stadt Hamburg hatte die Baugenehmigung an die Bedingung geknuepft, dass das Gebaeude trotz seiner privaten Nutzung einen oeffentlichen Mehrwert schafft. Die Treppe ist ganzjaehrig und rund um die Uhr zugaenglich — ein demokratisches Element, das das Dockland von reinen Gewerbeobjekten abhebt und es zu einem urbanen Anziehungspunkt macht.
An schoenen Sommerabenden versammeln sich hier Hunderte von Menschen, um den Sonnenuntergang ueber dem Hafen zu beobachten. Jogger nutzen die Stufen als Trainingsgeraet, Fotografen dokumentieren das wechselnde Licht, und Paare finden auf der Dachplattform einen der romantischsten Orte der Stadt. Das Dockland zeigt, dass auch ein kommerzielles Gebaeude zum oeffentlichen Raum beitragen kann — wenn der politische Wille und der architektonische Anspruch stimmen.
Kontext: Altonas Waterfront im Wandel
Das Dockland steht nicht isoliert, sondern ist Teil einer umfassenden Transformation des Altonaer Hafenrands. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich die Fischauktionshalle, ein imposanter Jugendstilbau von 1896, der heute als Veranstaltungszentrum dient, sowie das ehemalige Kuehlhaus, das zum Buerro- und Gewerbeobjekt umgebaut wurde. Weiter oestlich schliesst sich der Altonaer Balkon an — eine Parkanlage auf der ehemaligen Geesthangkante mit Blick ueber den Hafen.
Die Gesamtentwicklung dieses Uferstreifens zeigt, wie Hamburg seit den fruehen 2000er Jahren versucht, die Trennlinie zwischen Stadt und Hafen aufzuloesen. Das Dockland war eines der ersten Projekte, das diese Strategie architektonisch umsetzte — nicht durch einen zurueckhaltenden Bau, der sich dem Hafen unterordnet, sondern durch ein selbstbewusstes Statement, das den Hafen als Inspiration nutzt.
Kritische Wuerdigung
Das Dockland hat von Anfang an polarisiert. Bewunderer loben die kuehne Form, die praezise Detaillierung und die Grosszuegigkeit der oeffentlichen Freitreppe. Kritiker werfen dem Gebaeude vor, mehr Skulptur als Architektur zu sein — ein formales Spektakel, das die funktionalen Anforderungen eines Buerohauses der Geste unterordnet. Die schraegen Waende im Inneren, so die Kritik, fuehrten zu suboptimalen Grundrissen und erschwerten die Mooeblierung.
Diese Kritik ist nicht unberechtigt, greift aber zu kurz. Das Dockland ist kein konventionelles Buerogebaeude und hat auch nie den Anspruch erhoben, eines zu sein. Es ist ein Markenbau, ein corporate Statement, ein architektonisches Ausrufezeichen an einem Ort, der nach Identitaet suchte. In dieser Funktion ist es ausserordentlich erfolgreich: Zwanzig Jahre nach seiner Fertigstellung gehoert das Dockland zu den bekanntesten Gebaeuden Hamburgs und hat wesentlich dazu beigetragen, den Altonaer Hafenrand als attraktiven Standort zu etablieren.
Das Dockland im Vergleich
Im internationalen Vergleich steht das Dockland in einer Tradition ikonischer Hafenarchitektur, die vom Sydney Opera House ueber das Guggenheim Museum Bilbao bis zum CCTV-Hauptquartier in Peking reicht. Alle diese Gebaeude nutzen eine unverwechselbare Form, um einem Ort eine neue Identitaet zu geben. Was das Dockland von diesen Grossprojekten unterscheidet, ist sein vergleichsweise bescheidener Massstab: Mit rund 8.000 Quadratmetern Bueroflaeche ist es kein Megaprojekt, sondern ein praezise gesetzter Akzent — ein Gebaeude, das beweist, dass architektonische Wirkung nicht von der Groesse abhaengt.
Hadi Teherani hat spaeter mit dem Berliner Bogen in Hamburg-Hammerbrook ein weiteres markantes Buerogebaeude realisiert, und sein Buero ist heute eines der international erfolgreichsten deutschen Architekturbueros. Das Dockland bleibt sein Durchbruch — jenes Projekt, mit dem er bewies, dass Hamburger Architektur mehr sein kann als hanseatische Zurueckhaltung.