Stadtentwicklung

HafenCity: Europas groesstes Stadtentwicklungsprojekt

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Suedlich der Speicherstadt, auf einer Flaeche, die bis Ende der 1990er Jahre von Hafenkraenen, Containerstapeln und Gleisanlagen dominiert wurde, waechst seit einem Vierteljahrhundert ein neuer Stadtteil heran. Die HafenCity ist das groesste innerstaedt­ische Stadtentwicklungsprojekt Europas und zugleich eines der ambitioniertesten: Auf 157 Hektar — einer Flaeche, die Hamburg um 40 Prozent vergroessert — entstehen rund 7.500 Wohnungen fuer ueber 15.000 Menschen, 45.000 Arbeitsplaetze und eine komplette soziale Infrastruktur.

Die Vision: Stadt am Wasser

Die Idee, den verwaisten Hafenrand fuer die Stadtentwicklung zu nutzen, geht auf einen Senatsbe­schluss von 1997 zurueck. Der damalige Oberbaudirektor Joern Walter praegte die Vision einer "Stadt am Wasser", die Hamburgs historische Abwendung vom Hafen rueckgaengig machen sollte. Denn obwohl Hamburg eine Hafenstadt ist, hatte die Innenstadt seit dem 19. Jahrhundert den Ruecken zum Wasser gekehrt — getrennt durch Zollgrenzen, Gleisanlagen und die schiere Groesse des Hafenbetriebs.

Der Masterplan, den das Hamburger Buero KCAP Architects & Planners gemeinsam mit ASTOC entwickelte, folgt einigen klaren Prinzipien: Nutzungsmischung statt Monofunktionalitaet, oeffentliche Erdgeschosse, durchlaessige Blockkanten und vor allem ein Netz aus oeffentlichen Freiraeumen, Promenaden und Plaetzen, das den gesamten Stadtteil mit dem Wasser verbindet.

Warftenprinzip: Bauen ueber dem Wasser

Eine der groessten technischen Herausforderungen der HafenCity ist der Hochwasserschutz. Das gesamte Areal liegt ausserhalb des Hauptdeichs — bei Sturmfluten kann der Wasserstand bis zu acht Meter ueber Normal steigen. Statt das Gebiet einzudeichen, entschieden sich die Planer fuer das sogenannte Warftenprinzip: Alle Gebaeude und Strassen werden auf kuenstlich aufgeschuetteten Plateaus errichtet, die mindestens 7,50 Meter ueber Normalnull liegen.

Diese Loesung hat weitreichende architektonische Konsequenzen. Die Sockelgeschosse der Gebaeude muessen hochwasserfest ausgefuehrt werden, Tiefgaragen benoetigen druckwasserdichte Wannen, und die oeffentlichen Freiraeume sind auf zwei Ebenen organisiert: die obere, hochwassergeschuetzte Promenade und die untere Kaikante, die bei Sturmflut ueberspuelt wird. Dieses Zweiebenen-System erzeugt spannungsreiche Raumsequenzen und gibt der HafenCity eine topographische Vielfalt, die in Hamburgs ansonsten flacher Geest einzigartig ist.

Die HafenCity ist kein Reissbrett-Stadtteil. Sie ist ein Experiment — mit all den Risiken und Chancen, die das mit sich bringt. — Prof. Joern Walter, Oberbaudirektor a.D.

Die Quartiere: Vom Sandtorkai zum Baakenhafen

Die HafenCity gliedert sich in zehn Quartiere, die von West nach Ost entwickelt werden. Die westlichen Quartiere — Sandtorkai, Dalmannkai, Am Sandtorpark — sind laengst fertiggestellt und zeigen die erste Generation der HafenCity-Architektur: klare, oft strengere Formen, viel Glas und Stahl, eine Formensprache, die an den internationalen Stil der fruehen 2000er Jahre anknuepft.

Im Ueberseequartier, dem kommerziellen Zentrum der HafenCity, dominiert das umstrittene Westfield-Projekt des Investors Unibail-Rodamco-Westfield. Der 2024 eroeffnete Komplex umfasst 80.000 Quadratmeter Einzelhandelsflaeche, Hotels, Bueros und Wohnungen. Kritiker werfen dem Projekt vor, einen introvertierten Konsumtempel geschaffen zu haben, der sich gegen den oeffentlichen Raum abschottet — das genaue Gegenteil der urspruenglichen HafenCity-Vision.

Die oestlichen Quartiere — Baakenhafen, Elbbruecken und das Grasbrook-Areal — befinden sich in unterschiedlichen Bauphasen. Am Baakenhafen haben Bueros wie KCAP, Hadi Teherani und LRW mit experimental­leren Entwuerfen experimentiert: Holzhybridbauten, gemeinschaftliche Wohnprojekte und eine offenere, weniger corporate Architektursprache praeagen dieses Quartier.

Die HafenCity Universitaet: Hochschule als Stadtbaustein

Am oestlichen Rand der HafenCity, direkt an der U-Bahn-Station Ueberseequartier, steht die HafenCity Universitaet (HCU) — ein Entwurf des Hamburger Bueros Code Unique Architekten. Das Gebaeude mit seiner markanten Cortenstahl-Fassade beherbergt die einzige deutsche Universitaet, die ausschliesslich auf Architektur, Stadtplanung und verwandte Disziplinen spezialisiert ist.

Die Positionierung der Universitaet in der HafenCity ist strategisch klug: Die Studierenden leben und lernen inmitten eines Stadtteils, der selbst Gegenstand ihrer akademischen Auseinandersetzung ist. Sie koennen Planungsprozesse in Echtzeit beobachten, Bau­stellen dokumentieren und die sozialen Auswirkungen von Stadtentwicklung am eigenen Lebensumfeld erfahren. Die HCU ist damit nicht nur eine Bildungseinrichtung, sondern auch ein Seismograph fuer die Befindlichkeit des neuen Stadtteils.

Soziale Mischung: Anspruch und Realitaet

Eines der erklaerten Ziele der HafenCity-Entwicklung ist die soziale Durchmischung. Der Masterplan sieht vor, dass ein Drittel aller Wohnungen im gefoeerderten Segment errichtet wird — als Sozialwohnungen, Baugemeinschaften oder preisgedaempfte Mietwohnungen. Dieses Ziel wurde in den westlichen Quartieren deutlich verfehlt: Die Wohnungen am Dalmannkai und am Sandtorkai gehoeren zu den teuersten der Stadt, mit Quadratmeterpreisen von ueber 8.000 Euro.

In den oestlichen Quartieren versucht die HafenCity Hamburg GmbH gegenzusteuern. Am Baakenhafen wurden mehrere Baugemeinschaften realisiert, das Holzbau-Projekt Wald­quartier setzt auf Holzhybridbau und genossenschaftliche Strukturen, und im Quartier Elbbruecken entstehen groessere Kontingente gefoerderter Wohnungen. Ob diese Massnahmen ausreichen, um die HafenCity von ihrem Ruf als Reichenviertel zu befreien, wird sich in den naechsten Jahren zeigen.

Kritik und Debatte

Die HafenCity ist vermutlich der meistdiskutierte Stadtteil Deutschlands. Die Kritik ist vielfaeltig und oft berechtigt: zu wenig Gruen, zu viel Glas, zu hohe Mieten, zu wenig Spontanitaet, zu viel corporate Architektur. Besucher beklagen die Windkorridore zwischen den hohen Gebaeuden, die Leere in den Erdgeschosszonen am Wochenende und das Fehlen jener urbanen Patina, die gewoechsene Stadtviertel auszeichnet.

Doch es waere unfair, die HafenCity ausschliesslich an ihren Defiziten zu messen. Was hier in 25 Jahren entstanden ist, sucht in Europa seinesgleichen: ein kompletter Stadtteil auf ehemals brachliegendem Hafengelaende, mit einer eigenen U-Bahn-Linie, 15 Schulen und Kindertagesstaetten, drei Universitaeten und Hochschulen und einem oeffentlichen Freiraumsystem, das sich ueber mehrere Kilometer am Wasser entlangzieht.

Ausblick: Grasbrook und die zweite HafenCity

Die naechste Etappe der Hamburger Hafenrandentwicklung hat bereits begonnen. Suedlich der Norderelbe, auf dem Kleinen Grasbrook, plant die Stadt einen weiteren neuen Stadtteil mit 3.000 Wohnungen und 16.000 Arbeitsplaetzen. Das Areal, auf dem urspruenglich die Olympischen Spiele 2024 haetten stattfinden sollen, wird nun zivil entwickelt — mit dem Anspruch, die Lehren aus der HafenCity zu beruecksichtigen.

Der staedtebauliche Wettbewerb fuer den Grasbrook wurde 2021 von Herzog & de Meuron und Vogt Landschaftsarchitekten gewonnen. Ihr Entwurf setzt auf kleinteiligere Strukturen, mehr Gruen und eine engere Verzahnung mit den bestehenden Stadtteilen Veddel und Wilhelmsburg. Ob der Grasbrook die Versprechen einloest, die die HafenCity nur teilweise erfuellen konnte, wird die zentrale stadtplanerische Frage der kommenden zwei Jahrzehnte sein.

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